Weltreisen | Mit dem Zug nach Peking (Teil 2)

Rund fünf Tage und über 7.000 Kilometer liegen nun schon hinter uns. Die letzten drei Tage haben wir im Zug verbracht. Gegen 04:55 Uhr Ortszeit kommen wir nun beinahe pünktlich in Irkutsk an. Von hier wollen wir weiter in Richtung Baikalsee.

Die Nacht war kurz und wir haben kaum geschlafen. Als wir aussteigen, ist der Bahnsteig nur spärlich beleuchtet aber voller Menschen. Die vorherrschende Sprache scheint nicht russisch zu sein. Wir hören viel Deutsch und Englisch. Wir kämpfen uns durch die Massen und weiter durch die Unterführung in die Bahnhofshalle. Hier ist es ruhiger. Auf den Bänken dösen einige Nachtgestalten vor sich hin. Eine Streife, wahrscheinlich Bahnpolizei oder so was, scheucht einen Betrunkenen nach draußen. Wir machen uns auf die Suche nach der Gepäckaufbewahrung. Wir wollen den großen Koffer hier lassen. Der deutlich übergewichtige Mann an der Gepäckaufbewahrung schläft in seinem Sessel tief und fest. Selbst durch lautes Zurufen ist er nicht wach zu bekommen. Wir lassen es bleiben.

Die Marschrutka (privater Kleinbus im Linienverkehr) in Richtung Olchon/Baikalsee fährt erst in einigen Stunden vom Busbahnhof. Wir versuchen es bei den Taxis vor der Tür. Der erste Fahrer hat wahnsinnige Preisvorstellungen, der nächste will nur bis zur Fähre fahren und mit dem dritten werden wir uns einig. Das Gepäck ins Taxi geladen und es geht los. Der Fahrer gibt uns zu verstehen, dass er die Einnahmen der Nacht erst in der Taxizentrale abrechnen muss. Also fahren wir an den Rand der Stadt. Auf dem Weg zurück von seinem Arbeitgeber liefert er sich auf der leeren Straße ein Wettrennen mit einem anderen Taxi. Sie rufen sich durch die geöffneten Fenster etwas zu. Das andere Taxi setzt sich vor uns und bremst bis zum Stillstand ab. Beide Fahrer steigen aus und am anderen Fahrzeug kramen sie im Kofferraum. Was wird das? Holen die jetzt die Kalaschnikow und rauben uns aus? Es klärt sich alsbald: Unser Fahrer hat sich noch ein Ersatzrad geborgt und gibt uns zu verstehen, dass die Straßen schlecht sind und das Auto schwer ist. Nach einem noch folgenden Tankstopp geht es raus aus der Stadt in die Dunkelheit Sibiriens.
Noch ist nicht viel zu sehen. Am Horizont geht erst später langsam die Sonne auf. Doch was sich dann offenbart, verschlägt uns wirklich den Atem: Eine unbeschreibliche Landschaft, weite Steppe, hohe Berge, bunte Wälder, hin und wieder ein kleines Dorf, Kühe und Pferde, die die Straße überqueren.

Der Himmel und die Erde scheinen hier mehr Platz zu beanspruchen, um sich in ihrer vollen Schönheit zu zeigen. Selbst unser Fahrer ist ganz fasziniert und bremst auch hin und wieder ab um sich das anzusehen. Wir haben das Gefühl, er war selbst noch nie hier draußen.

Die „Hauptstraße“ hat sich in eine unbefestigte, staubige Piste verwandelt. Die Sonne steigt immer höher und gegen 10:00 Uhr kommt zum ersten Mal der Baikalsee zum Vorschein. Er ist bezaubernd schön. Der Fahrer hält für einen Fotostopp. Kurz darauf stehen wir am Ende der Straße – dem Fähranleger nach Olchon. Unser Fahrer ist irritiert, er denkt mit seinem Navi stimmt etwas nicht. Er war scheinbar wirklich noch nie hier.

Schon bei der Fährüberfahrt sehen wir, wie klar das Wasser des Sees ist. Nun sind wir auf Olchon, der großen Insel im Baikalsee. Gegen 10.45 Uhr erreichen wir unsere Unterkunft im Ort Chuschir. Unser Fahrer scheint erleichtert, dass auch das Taxi die zeitweise schlechten Pisten überlebt hat. Er erhält von uns den ausgemachten Betrag plus ein ordentliches Trinkgeld, das hat er sich verdient!

Unsere Unterkunft hat Blick auf den See, ist mehr oder weniger in ortstypischem Stil erbaut und hat sich auf ausländische Touristen eingestellt. Die Mitarbeiter sind flexibel und freundlich. Die Zimmer und Gemeinschaftsräume sind einfach, sauber und ordentlich. Alles hat fast etwas Familiäres hier: [http://olkhon.info/de/ ] 

Draußen ist es fast wolkenlos, der Wind bläst stark. Wir machen ein kurzes Nickerchen und dann erkunden wir die Umgebung. Im Ort gibt es genügend Geschäfte, in denen man Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs bekommt. An Ausländer ist man hier schon gewöhnt. Die Dorfbewohner wirken freundlich aber dennoch etwas distanziert. Wir nehmen in den folgenden Tagen an zwei über die Unterkunft organisierten Touren teil. Können so einen ersten Einblick in die Landschaft bekommen. Alles hier hat etwas Magisches, Unwirkliches. Man kann es nicht in Worte fassen, man muss das gesehen haben.


Die erste Tour auf Olchon führt uns mit einem Ural Kleinbus zum Kap Choboi, an die nördliche Spitze der Insel. Auf dem Rückweg gibt es dann die Möglichkeit einer Wanderung.

Die zweite Tour am anderen Tag führt mit einem Geländewagen durch den Süden der Insel. Wir sehen auf dem Festland einen Schneesturm, während bei uns auf der Insel die Sonne scheint. Die Landschaft ist bizarr schön. Die Touren werden für vergleichsweise wenig Geld angeboten und bieten die Möglichkeit, von Einheimischen geführt, in Kleingruppen (4-6 Personen) an entlegene Ecken der Insel zu kommen. Die Atmosphäre ist herzlich. Der Fahrer bereitet während der Tour ein Mittagessen vor: Fischsuppe aus Omul, dem endemisch im Baikalsee lebenden Fisch.

Wir sehen Bilder vom Winter am Baikal. Bei all den Eindrücken hier beschließen wir: Wir kommen wieder. Vielleicht im Winter?

Um Chuschir herum gibt es viele Baustellen mit Ferienhäusern oder kleineren Hotelanlagen. Ich würde noch nicht von einem „Bauboom“ sprechen, aber man versucht sich auf die offenbar starke Nachfrage einzustellen. Auf unseren Ausflügen treffen wir auf ganze Reisegruppen von Russen, Chinesen, Amerikanern und Deutschen. Wir merken bei Unterhaltungen sehr schnell, dass Chuschir/Olchon ein fester Bestandteil der organisierten Transsib-Touren ist. Wer das Ursprüngliche hier noch erleben möchte, sollte mit einer Reise nicht mehr allzu lange warten. Ich vermute, in 10 Jahren erkennt man das alles hier nicht wieder.

Bis auf einen Tag haben wir mit dem Wetter wirklich Glück. Es scheint meist die Sonne und es ist etwa 10 Grad warm. Nachts sinkt die Temperatur aber auch schon unter den Gefrierpunkt. Wir erfahren, dass es eigentlich für die Jahreszeit etwas zu kalt ist.

Am letzten Tag fahren wir morgens mit der Marschrutka zurück nach Irkutsk. Auf dem Kühlergrill prangt zwar der Mercedes-Stern, jedoch vermuten wir eher in einem fernöstlichen Kleinbus zu sitzen. Neben dem Fahrer und dem Beifahrer haben 13 (!) Personen Platz gefunden. Das Ding ist bestenfalls so groß wie ein VW-Bus. Die Decke und die Seitenwände sind mit braunem Lederimitat ausgepolstert, im Innenraum hängt eine Art Teppich mit Fransen zwischen Fahrer und Fahrgästen. Das Gepäck haben wir auf dem Dach verstaut. Neben der Fährüberfahrt gibt es noch eine weitere Pause, bei der man sich die Beine vertreten kann. Die Fahrt nach Irkutsk dauert über 5 Stunden.

In Irkutsk checken wir in unserem Hostel ein und erkunden im Anschluss die Stadt. Das Hostel „Dobry Kot“ ist zum Bahnhof recht günstig gelegen und ein Ein- und Auschecken ist praktisch ständig möglich. Die Meisten hier scheinen auf ihren Transsib-Anschluß zu warten. Das Personal ist freundlich, WLAN ermöglicht Kontaktaufnahme mit der Familie, die Preise sind günstig, jedoch lässt die Sauberkeit in unserem Zimmer etwas zu Wünschen übrig. Wir machen uns über die Angarabrücke auf den Weg in die Innenstadt. Ein wirkliches „Stadtzentrum“ können wir nicht finden, dafür scheint dieser Freitag DER Tag zum Heiraten zu sein: überall Hochzeitspärchen. Wir decken uns in einem Supermarkt mit Proviant für die nächsten Tage ein: Brot, Sibirische Salami, Marmelade, Wodka.


Die Nacht ist mal wieder nur kurz: Um 04:00 Uhr Ortszeit holt uns das Taxi ab. Auf dem Bahnhof ist schon eine Menge los. Unser Zug Nr 4 Moskau-Peking soll um 04:47 Uhr Ortszeit einfahren. Hat aber etwa 15 Minuten Verspätung. Die Bahnhofshalle ist voller Reisender. Wieder hören wir die verschiedensten Sprachen. Dann wird endlich das Gleis bekannt gegeben und wie nach einem Startschuss laufen die Massen los, zwängen sich durch die Unterführung und vereinnahmen den Bahnsteig. Wir können so etwas wie einen Wagenstandanzeiger nicht finden, entscheiden uns also auf dem langen Bahnsteig für die goldene Mitte.

Mit langsamem Tempo fährt unser Zug ein: Dunkelgrüne Wagen der Chinesischen Bahn erscheinen nach der großen Lok in der schummrigen Bahnsteigbeleuchtung. Bei einigen qualmt der Kohleofen. Die chinesischen Schaffner haben eine graue Uniform mit Schirmmütze. Sie hängen außen an die Waggons jeweils ein Blechschild mit der Wagennummer an, bevor sie mit einem Lappen die Geländer/Haltegriffe an den Türen sauber machen und sich dann schließlich auf den Bahnsteig stellen. Wir haben unseren Wagen entdeckt. Bis wir uns dort hin durchgearbeitet haben, ist der Schaffner wieder eingestiegen. Kein Problem, die Formalitäten erledigt sein Kollege von nebenan. Dann kommt auch unser Schlafwagenschaffner, hilft uns mit dem Gepäck und schließt unser Abteil auf.

Es ist wieder ein Zweibettabteil. Auf der rechten Seite sind übereinander zwei Betten. Vor dem Fenster ist ein Tisch und auf der linken, den Betten gegenüberlegenden, Seite befindet sich ein Sessel. Außerdem hat unser Abteil eine Dusche, welche wir uns mit dem Nachbarabteil teilen. Die Tür dorthin befindet sich ebenfalls auf der linken Seite, wo auch noch ein kleiner Kleiderschrank zu finden ist. Die Wände sind rotbraun vertäfelt, auf dem Boden liegt ein blauer Teppich und die Polster der Betten sind dunkelrot mit goldenem Muster überzogen.
Unser Schaffner bringt uns die Bettwäsche und erklärt noch einige Dinge im Abteil. Er scheint überaus freundlich und sympathisch. Für seine Freundlichkeit und seine Hilfe gebe ich ihm ein Trinkgeld. Er freut sich sichtlich darüber. Während unser Zug abfährt, beginnt es draußen wieder zu regnen. Es ist noch dunkel. Wir beziehen unsere Betten und legen uns noch etwas hin.

Gegen 08:00 Uhr Ortszeit wachen wir auf. Wir fahren jetzt am Ufer des Baikalsees entlang. Unsere neuen Nachbarn aus den anderen Abteilen sind auch schon aufgestanden und genießen den Morgenkaffee auf dem Gang mit Blick auf den See. Die anderen Reisenden sind Engländer, Amerikaner, Deutsche und Niederländer. Draußen ist es bewölkt und es regnet leicht.

Zur Mittagszeit erreichen wir Ulan Ude. Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet nicht mehr. Auf dem Bahnsteig kaufen wir Tee und zwei schöne Anstecker als Souvenir. Ein kleiner Transporter mit Kohle ist unterwegs und beliefert die einzelnen Waggons. Die Schaffner reichen die Kohlenkästen raus, die sie befüllen lassen.

In Ulan Ude wird die E-Lok gegen eine Diesellok getauscht. Sie zieht den langen Zug um die Stadt herum eine stete Steigung hinauf. Die Strecke wird eingleisig, die Landschaft karger. Wir bleiben eine ganze Weile in der Nähe der Selenga, einem großen Fluss. Die Wolkendecke hat Risse bekommen, die Sonne zeigt sich jetzt öfter. Unsere Geschwindigkeit ist gemächlich. Das Klackern der Schienenstöße ist laut und begleitet uns seit Ulan-Ude unentwegt.

Unser Wagen wird von zwei Schlafwagenschaffnern betreut. Einer scheint der eher „Repräsentative“ zu sein und der andere ist wohl eher der „Malocher“. Er ist fürs Heizen und die technischen Dinge zuständig.

Gegen 19:00 Uhr nähern wir uns der Grenze zur Mongolei. Im Grenzort Naushki haben wir 2,5 Stunden Aufenthalt. Zunächst werden die Pässe eingesammelt, anschließend kommt eine Grenzerin und „untersucht“ das Abteil: Sie schaut in die Nasszelle und unter die Liege. Dann verabschiedet sie sich freundlich und schreitet zum Nachbarabteil, um dieses zu „untersuchen“. Nicht lange danach werden die Pässe wieder abgestempelt verteilt. Den Rest der Zeit stehen wir ab. Die Toiletten sind verschlossen. Es gibt aber eine am Hausbahnsteig. Eine willkommene Gelegenheit sich etwas die Beine zu vertreten. Sonst scheint auf diesem Grenzbahnhof nicht viel los zu sein. Keinen weiteren Zugverkehr konnte ich wahrnehmen. Dafür reichlich Hundegebell aus dem Ort.

Es hat wieder begonnen zu regnen. Es ist schon dunkel, als wir zur mongolischen Grenzstation rumpeln. In Suche Bator haben wir wieder zwei Stunden Aufenthalt. Hier ein ähnliches Spiel. Nur mit dem Unterschied, dass wir hier vorher Zollerklärungen und sog. „Greencards“ ausfüllen müssen. Erst kommt eine stark parfümierte Dame in Uniform und Ledermantel durch unseren Waggon gelaufen. Dann kommt ein junger Mann, der durch unsere Pässe blättert, sie uns aber dann wieder gibt. Jetzt kommt eine weitere Frau, sammelt die Zollerklärungen ein und gibt sie kurz darauf abgestempelt zurück ohne zu kontrollieren, ob das stimmt, was da draufsteht. Dann kommt die nächste Frau, sie will die Pässe und „Greencards“. Jetzt erscheint eine weitere Kontrolleurin, die uns bittet aus dem Abteil zu treten, damit sie es durchsuchen kann. Die Kontrolle dauert genau so „lange“ wie bei der russischen Grenzerin, nur mit dem Unterschied, dass die Mongolin wenigstens noch einen Blick in den Kleiderschrank wirft. Nachdem die Grenz-/Passkontrollen beendet sind, essen wir noch Brot mit leckerer sibirischer Salami und dann geht’s ab ins Bett. Wir haben den Wecker gestellt, damit wir den Halt in Ulan-Bator nicht verschlafen.


Draußen wird es langsam hell und wir nähern uns der mongolischen Hauptstadt Ulan-Bator. Im Morgengrauen sehen wir die „Vorstadtsiedlungen“, bestehend aus Jurten oder grauen Betonklötzern. Die Jurten befinden sich zum Teil auf eingezäunten Grundstücken. Mit Hundehütte, Vorgarten und Autostellplatz. In der Ferne erkannt man hinter der Stadt einen markanten Gebirgszug. Der Himmel ist leicht bewölkt, es regnet nicht mehr.

Gemächlich fahren wir in den Bahnhof von Ulan-Bator ein, den wir um 06:30 Uhr Ortszeit pünktlich erreichen. Der Bahnsteig ist gut gefüllt. Viele scheinen aber nur Reisende abzuholen und halten Schilder mit Namen in die Höhe. Auch aus unserem Wagen werden einige Reisende aussteigen.

Verkaufsstände auf dem Bahnsteig gibt es nicht. Wir nutzen den Aufenthalt um uns draußen etwas umzusehen. Wir laufen um das Bahnhofsgebäude. Der Eindruck, den man hier von der Stadt bekommt, überwältigt einen nicht gerade: Alles wirkt trist, grau und nicht gerade einladend.

Hinter der Lok befindet sich der Gepäckwagen. In diesen wuchten drei kleine Chinesen gerade eine ganze Reihe übergroßer Kühlschränke und einige Säcke und Kisten. In die Mitte des Zuges ist ein mongolischer Speisewagen eingereiht worden. Wir beobachten das Geschehen noch eine Weile und dann kehren wir in unseren Waggon zurück. In unser Nachbarabteil ist ein älteres Pärchen Engländer eingezogen.

Wir verlassen Ulan-Bator pünktlich. Nachdem wir am Fenster noch die Vororte an uns vorbeiziehen lassen, legen wir uns wieder etwas hin, bevor wir um 11:33 Uhr Chojr erreichen- einen kleinen Ort mitten in der mongolischen Steppe. Wie befinden uns in der Wüste Gobi, die zweitgrößte Wüste der Erde. Wobei man hier eher von einer riesigen Steppenlandschaft sprechen könnte. Der Himmel wird immer blauer und nur noch kleine Wölkchen ziehen über diese scheinbar unendlichen Weiten. Die Luft ist klar und frisch.

Hin und wieder taucht eine Jurte auf. Wir sehen Herden von Kühen, Pferden, Ziegen, Schafen und viele Kamele. Die Gobi zieht an uns vorbei. Ab und zu taucht ein kleiner Ort auf, Jurtensiedlungen, einzelne Jurten und erstaunlicherweise immer wieder Streckenposten neben den eingezäunten Gleisen mitten im Nirgendwo. Wir fragen uns, wie sie dort hingekommen sind und wie weit der nächste Ort wohl entfernt sein mag.

Unsere Schaffner nutzen den Ofen der Kohlezusatzheizung als Herd. Es duftet gut im Wagen zur Mittagszeit. Gegen 15:00 Uhr kommen wir in Sajn-Sanda an, wieder ein Ort mitten in der Steppe. Die Sonne scheint, aber der Wind ist sehr stark und frisch. In einem kleinen Kiosk kaufen wir ein Weißbrot und zwei große Instantnudelsuppen für 8 US-Dollar. Ein Schnäppchen…

Nachdem wir Sajn-Sanda verlassen haben, verteilt unser Schaffner schon diverse Papiere, die wir an der mongolischen und chinesischen Grenze vorlegen müssen… lästiger Papierkram, bei dem man immer wieder das selbe schreibt: Eine Ausreiseerklärung für die Mongolei, Zollerklärung für die Ausreise aus der Mongolei, Einreisekarte für China, Zollerklärung für China.

Wir erleben einen gigantischen Sonnenuntergang über der Wüste Gobi. Kurz vor dem mongolischen Grenzbahnhof sieht man nur noch einen schmalen orangefarbenen Streifen am Himmel. Unsere beiden Schaffner sind sehr freundlich. Sie gehen vor dem Halt am Grenzbahnhof durch den Waggon und sagen allen Bescheid, dass sie noch mal zur Toilette gehen sollen, weil das dann ca. zwei Stunden nicht möglich ist. Die mongolische Grenzkontrolle verläuft relativ schnell: Pässe einsammeln, keine Kontrolle des Abteils, ca. 30 Minuten später werden die Pässe wieder ausgeteilt.

Nach 1,5 Stunden Aufenthalt geht es zum chinesischen Grenzbahnhof Erljan, wo wir gegen 21:00 Uhr ankommen. Am Bahnsteig steht eine ganze Kompanie Grenzer spalier, als unser Zug einfährt, alle schauen recht ernst. Aus den Lautsprechern am Bahnsteig ertönt eine Art Hymne. Dann laufen mehrere Grenzer durch den Waggon. Wir stehen noch eine ganze Weile am Bahnsteig, aus den Lautsprechern draußen tönt permanent Musik. Zurzeit läuft „Ballade pour Adeline“ von Richard Clayderman und danach die „5. Sinfonie“ von Beethoven. Das „Empfangskomitee“ der Grenzsoldaten hat sich zwischenzeitlich entfernt. Mit viel Geruckel werden wir rückwärts in die Umspurhalle gezogen. In China fahren wir wieder auf Normalspur.

Die Arbeiter in der Halle haben neue glänzend-gelbe Helme auf und Arbeitskleidung mit einem hellen Streifen an der Seite. Von Weitem könnte man meinen sie tragen Jogginganzüge. Einer der Arbeiter hat einen roten Helm auf. Er scheint der Chef zu sein. Alles ist straff durchorganisiert. Viele stehen nur stramm und warten auf einen Ton, der immer mal ertönt oder auf einen Zuruf durch andere, bis sie dann irgendetwas machen oder einem anderen zur Hand gehen. Da unser Zug sehr lang ist, wird er geteilt und beide Hälften werden nebeneinander umgespurt. Während der Umspurens läuft ein Grenzsoldat durch den Waggon und verteilt die abgestempelten Pässe. Das Umspuren funktioniert im Prinzip wie in Brest. Nur das es dort deutlich schneller ging. Es geht im Anschluss wieder zurück zum Bahnhof, wo später weitere Reisende in den Zug einsteigen werden. Draußen ist es ziemlich windig und aus den Lautsprechern ist jetzt Mozarts „Kleine Nachtmusik“ zu vernehmen. Ein Schaffner verteilt Coupons für ein gratis Frühstück und Mittagessen am nächsten Tag. Wir machen uns bettfertig und der Zug verlässt den Grenzbahnhof.


Wir schlafen gut. Der letzte Tag im Zug hat begonnen. Den Wecker stellen wir auf 06:00 Uhr. Wir wollen das kostenlose Frühstück und den ersten Blick auf die Mauer nicht verpassen.
Frühstück gibt es von 6:30 Uhr bis 7:30 Uhr. Im Speisewagen ist es hundekalt. Das Frühstück ist ein Witz: Ein hart gekochtes Ei, 1,5 Scheiben ungetoastetes Toastbrot, ein kleines Näpfchen Erdbeermarmelade, ein kleines Stück gesalzene Butter und dazu eine Tasse eines seltsamen Kräutertees… aber es war gratis. Im Abteil angekommen frühstücken wir noch mal richtig mit Kaffee, Brot, sibirischer Salami, Marmelade, Nutella und Schokowaffeln. Die nächste Station ist gegen 8:00 Uhr Datong. Aus dem Fenster betrachten wir das Reich der Mitte, in dem gerade der neue Tag angebrochen ist. Wir sehen verfallene Häuser, Wohnsiedlungen mit engen Gassen und kleinen Häusern aus rot-braunen Steinen mit rot-braunen Dachziegeln, Hochhaussiedlungen, ein (Atom?)-Kraftwerk, akkurat angelegte Felder, Bauern die ihre Esel treiben.
Datong besteht aus älteren Plattenbauten und moderner wirkenden Hochhäusern. Die nächsten modernen Hochhäuser sind schon im Bau. An den Stationen die wir durchfahren steht mindestens ein Bahnbediensteter stramm und „grüßt“ den vorbeifahrenden Zug. Vielleicht der Bahnhofsvorsteher oder der Parteiverantwortliche? Keine Ahnung, aber das war auch schon in der Mongolei zu beobachten.

Gegen 9:15 Uhr sehen wir das erste Mal Teile der „Großen Mauer“. Wir beginnen unsere Sachen zu packen, in rund fünf Stunden werden wir Peking erreichen. Die Schaffner haben begonnen die Bettwäsche einzusammeln, haben die Läufer zusammengerollt und putzen den Wagen. Bei uns macht sich eine sonderbare Stimmung breit: Einerseits Stolz und Freude es bis hier ohne Probleme geschafft zu haben, andererseits sind wir traurig, dass es bald vorbei ist. Wir haben uns an das Geräusch der Schienenstöße gewöhnt, unsere Rituale zu den Mahlzeiten, zum Kaffetrinken, an den Unterwegshalten usw. entwickelt.

Zwischenzeitlich haben wir ein Mittelgebirge erreicht. Die zweigleisige Strecke hat sich „geteilt“, das andere Gleis verläuft an den gegenüberliegenden Bergen. Tunnel, Talbrücken und Schluchten wechseln sich ab. Die Landschaft ist beeindruckend. Die Reisenden stehen an den Fenstern und genießen die Aussicht. 12:00 Uhr ist Mittagszeit. Wir verzichten auf das Gratis-Mittagessen und lassen unsere Gutscheine verfallen. Wir vermuten, dass es genauso „üppig“ ausfällt wie das Frühstück und essen im Abteil unsere 8 Dollar-Suppen aus der Mongolei, die übrigens vorzüglich schmecken.

Fast unmerklich wechselt die Gebirgslandschaft und die ersten Ausläufer von Peking sind auszumachen. Es ist Zeit die Adiletten wieder gegen festes Schuhwerk zu tauschen. Noch etwa eine halbe Stunde bis zum Zielbahnhof.

Draußen sehen wir triste Hochhäuser aus älteren Tagen und moderne Wohnsilos für die neue Mittelschicht. Dazwischen immer auch die „klassischen“ Viertel mit engen Gassen und ein- oder zweigeschossigen alten Häusern. Wir überqueren diverse Autobahnen oder Schnellstraßen. Auf den ersten Blick wirkt die Infrastruktur modern. Übrigens nicht nur um Peking herum, auch auf dem „flachen Land“ hatten wir nicht den Eindruck, dass dort die Zeit stehen geblieben ist.
Die Gleisanlagen sind mit Maschendrahtzaun oder mannshohen Mauern abgegrenzt. Unbefugtes Betreten quasi unmöglich. Die Mauern sind zum Teil weiß getüncht und darauf stehen in roter oder schwarzer Schrift irgendwelche Losungen. Man sieht hin und wieder auch illegale Graffitis oder Schmierereien, jedoch bei weitem nicht in einem Ausmaß, wie wir es aus hiesigen Ballungsräumen gewohnt sind.

Wir durchfahren den Südbahnhof. Unser Schaffner kommt schnell gelaufen und gestikuliert, wir sollen uns das ansehen: Ein sehr moderner Bau. Viel Beton und Glas. Auf einem gegenüberliegenden Bahnsteig steht ein Hochgeschwindigkeitszug, der so ausschaut wie unser ICE.

Nach wenigen weiteren Minuten fahren wir dann in unseren Zielbahnhof ein. Dem sogenannten Zentralbahnhof oder einfach nur Beijing Railway Station.

Es ist 14:04 Uhr Ortszeit, wir sind pünktlich auf die Minute. Unsere Schaffner haben eine Brücke mit rotem Teppich zwischen Waggon und Bahnsteig gelegt. Sie haben ihre Uniformen ein letztes Mal zurechtgerückt und stehen am Ausgang. Sie verabschieden sich sehr herzlich von uns.

Wir gehen durch den Durchgang in die Bahnhofshalle und weiter auf den Bahnhofsvorplatz. Es ist bedeckt, es regnet nicht und es ist etwa 25 Grad warm. Menschenmassen wuseln umher. Wir bleiben stehen und lassen das alles einige Minuten einfach auf uns wirken. Hinter uns liegen rund 9.600 Eisenbahnkilometer. Es ist kaum zu fassen!


> Hier geht es zu Teil 3

> Der gesamte Reisebericht bei Drehscheibe Online


 

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