Polen | Masuren im Frühling

Das Land der tausend Seen und dunklen Wälder. Masuren. Die Seenplatte im nordosten Polens, auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußen, erfreut sich in der Sommersaison weitbekannter touristischer Beliebtheit. Wir nutzen die ersten warmen Sonnenstrahlen, um das Gebiet abseits der Menschenmassen zu bereisen. Die Erfahrungen, die wir dabei machen, sind zwiespältig.

Es ist ein sonniger Vormittag im April, als wir nach langer Nachtfahrt unsere erste Station erreichen. Allenstein – heute Olsztyn – ist sozusagen das Tor zur Seenplatte. Wir verstauen unser Gepäck im Schließfach auf dem Bahnhof und begeben uns zum Taxistand auf dem Vorplatz. Als uns der Fahrer des dunkelblauen alten VW Passat erblickt, beugt er sich auf die Beifahrerseite und öffnet die Tür. Ich sage ihm, dass wir in die Innenstadt möchten. Er freut sich und bittet uns einzusteigen. Die Fahrt verläuft zähflüssig. Überall sind Baustellen. Der Fahrer versucht zu erklären, dass man in Olsztyn eine Straßenbahnlinie baut. In der Stadt herrsche absolutes Verkehrschaos. Außerdem würde man deshalb die Instandsetzung der übrigen Straßen vernachlässigen. Als er dies sagt, fährt er schon wieder Slalom um riesige Schlaglöcher und fragt mit einem Grinsen, ob es in Deutschland auch solche schrecklichen Straßen gäbe… Nach reichlich 10 Minuten haben wir das Stadttor erreicht.

Er fragt, wie wir denn zurück zum Bahnhof kommen. Wir entgegnen, dass wir das noch nicht wissen. Nur rein vorsorglich steckt er uns seine Visitenkarte zu. Wir bedanken uns und beginnen unseren kleinen Stadtrundgang.

Das Stadttor ist das letze erhaltene von ehemals Dreien. Hinter dem sogenannten hohen Tor beginnt die Innenstadt mit der Fußgängerzone und nördlich davon erstreckt sich das Areal der Burg Allenstein. Am Fuße der Burganlagen wurde ein schöner gepflegter Park angelegt. Das ursprünglich aus dem Jahre 1360 stammende Backsteingebäude des deutschen Ordens wird durch die Frühlingssonne und den blauen Himmel imposant in Szene gesetzt.

Nikolaus Kopernikus lebte hier zeitweilig zwischen 1516 und 1538. Im Komplex ist heute unter anderem das Museum des Ermlandes und der Masuren untergebracht. Am Denkmal für Kopernikus führt der Weg wieder zurück in die Stadt. Die Einkaufsstraße ist noch recht leer, nur ein Souvenierhändler hat seinen Stand aufgebaut. Er hat offenbar auch einen Blick für deutsche Touristen und spricht uns auf Deutsch an. Nach einem ungezwungenen Gespräch und anschließendem deftigen Mittagessen geht es zurück zum Stadttor.

Natürlich haben wir vom Angebot des Taxifahrers Gebrauch gemacht und er chauffiert uns zufrieden zurück zum Hauptbahnhof. Mit dem Zug geht es jetzt weiter in Richtung Rastenburg -heute Ketrzyn. Die Stadt mit der Ordensburg steht seit Kriegsende im Schatten der etwa 10 Kilometer entfernten Bunkeranlage „Wolfsschanze“. Von hier aus befehligte Adolf Hitler den Russlandfeldzug der Deutschen Wehrmacht. Wir nehmen uns ein Taxi zur Wolfsschanze, es kostet 35 Zloty, etwa 9 EURO. Die Fahrt führt uns aus der Stadt hinaus in den sogenannten Rastenburger Stadtwald. Bereits auf dem Weg zur Wolfsschanze passiert man einige Werbeschilder, die auf touristische Angebote rund um das Führerhauptquartier hinweisen. Darüber hinaus sehen wir im Gegenverkehr „Panzerfahrzeuge“. Augenscheinlich umgebaute Pick-ups, die auf der Ladefläche hinter dem Kunststoff-MG einige Besucher durch die Wälder fahren.  Wir erfahren, dass man darüber hinaus noch an Gotchaspielchen teilnehmen kann. Ob und wie geschmackvoll man das findet, bleibt jedem selbst überlassen.

An einem kleinen Häuschen entrichten wir den Eintrittspreis. Wir entrichten 15 Zloty Eintritt pro Person und erhalten einen schlichten Kassenbon als Eintrittskarte. Nach dem Betreten der Wolfsschanze steht man zunächst auf einem großen Parkplatz. Hier bieten verschiedene Fremdenführer ihre Dienste an. Ein solcher ist nach meiner Ansicht auch dringend zu empfehlen. Beschreibungen an den für den Laien nahezu gleich aussehenden Bunkerruinen gibt es nämlich nicht. Unsere Führung fand auf Deutsch statt, dauerte etwa eine Stunde und die ältere Dame wusste über die kalten Betonruinen allerhand informative Fakten und Geschichten zu erzählen. Der Preis für die Führung betrug 60 Zloty – etwa 15 EUR.

Die Wege sind nicht befestigt. Das Areal ist verwachsen. Mit unfassbarer Sprengkraft wurden die 8 Meter dicken Betonwände auseinandergetrieben. Überall sieht man mächtige Betonblöcke, die durch die Sprengkraft teilweise mehrere Meter weit flogen. In einigen Baumstämmen erkennt man beim Blick nach oben eingewachsenen Draht. Einst wurden Tarnnetze über die Wege gespannt, die an den Bunkerdecken und eben diesen Bäumen befestigt wurden.

Die Bunker dürfen grundsätzlich nicht betreten werden. Dank unserer Führung konnten wir dennoch einige Gänge betreten. Man sollte sich davon jedoch nicht zu viel versprechen: Von der einstigen Inneneinrichtung ist nichts übrig.

Im Anschluss an den Rundgang haben wir in einem kleinen Kiosk noch eine Broschüre erworben. Ein schöner Rückblick auf die gewonnenen Eindrücke zum Nachlesen daheim.

Die Fahrt geht weiter mit dem Linienbus an Mauerwald vorbei, über den Masurischen Kanal, über Angerburg nach Lötzen -heute Gizycko. Die Straßen sind anfangs teilweise mit Granitpflaster belegt, gesäumt von großen Alleebäumen. Überall kleine Dörfer und einzelne Gehöfte mit rotem Klinkerstein. Man fühlt sich, als wäre man in einer Zeitmaschine um Jahrzehnte zurückversetzt.

Südlich der Stadt Lötzen befindet sich der Niegocin See. Über eine beachtenswerte moderne Brückenkonstruktion gelangt man zum Hafen mit schöner Promenade. Der tief blaue See wirkt schier unendlich. Über ein Kanalsystem kann man von hier auf dem Wasserweg die großen Masurischen Seen bereisen.

An der städtischen Seite der Brückenkonstruktion schließt sich ein moderner Wohn- und Geschäftskomplex an. Sollte es wahrscheinlich mal werden. Zur Zeit gewinnt man eher den Eindruck einer Investruine. Aber vielleicht wird das Werk ja noch vollendet. Weiter führt unser Weg durch die Stadt in Richtung Lötzener Kanal. Er verbindet den erwähnten Niegocin See mit dem Mauersee und verläuft quer durch die Stadt. Über den Kanal führt eine einzigartige Drehbrücke aus dem Jahr 1889. Mit entsprechenden Öffnungszeiten nimmt sie noch heute einen nicht unerheblichen Teil des öffentlichen Verkehrs auf. Die Öffnung der Brücke wird übrigens auf den Hauptzufahrtsstraßen an großen Signaltafeln angezeigt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals befindet sich die Feste Boyen, eine alte preußische Befestigungsanlage und das Schloss. Es beherbergt heute eine Bibliothek und ein 4**** Hotel.

Nach so vielen Eindrücken steuern wir am Abend unser Hotel im wenige Kilometer entfernten Rhein (Ryn) an. Das Hotel befindet sich in einem umgebauten Kreuzritterschloss. Die Ursprünge sollen wohl bis ins Jahr 1376 zurückreichen. Hinter dicken Mauern verbirgt sich ein stilvoll eingerichtetes 4*** Hotel. Die Zimmer sind mit allerhand stilechtem Inventar ausgestattet. Neben Restaurants, Fitnessraum und Kegelbahn findet sich im Keller noch ein kleines Schwimmbad mit Wellness und SPA-Bereich. Im Ort selbst gibt es nicht besonders viel zu entdecken, so nutzen wir die Annehmlichkeiten des Hotels, bevor wir müde ins Bett sinken.

Am heutigen Tag steht eine Wanderung an. Mit Karte und Kompass bewaffnet geht es in Richtung Nikolaiken/Mikolajki. Wir bewegen uns die meiste Zeit auf einem Hauptwanderweg. Das will uns jedenfalls meine Wanderkarte weiß machen. Wir haben auch das eine oder andere Symbol an Baumstämmen entdeckt. Man muss aber konstatieren, dass touristische Wegweiser schlicht nicht vorhanden sind. Ohne gutes Kartenmaterial, Kompass und einen gewissen Orientierungssinn sollte man es bleiben lassen. Diese Erfahrung haben wir regelmäßig auch in anderen Teilen der Masuren gemacht.

Unser Weg führt durch schier unendliche Wälder, vorbei an klaren Seen über saftige Wiesen und über einen Kanäle hinweg. Die Störche haben ihre Nester bezogen und sind auf der Suche nach ihrem Mittagessen. Außerhalb der auf dem Weg liegenden kleinen Dörfer und Siedlungen sind wir keinem Menschen begegnet. So erreichen wir bei heiterem Himmel am Nachmittag einen Vorort von Nikolaiken.

Eigentlich wollten wir den Rest des Weges mit einem Linienbus zurücklegen. In einem an der Bushalte liegenden Laden kaufe ich etwas zu Trinken und komme mit der Verkäuferin ins Gespräch. Sie sagt, dass hier seit Jahren schon kein Bus mehr fahren würde. Hat mir meine App hier eine falsche Verbindung angezeigt? Hat sie. Im vorliegenden Fall konnte sie nicht zwischen Anmeldefahrt und Linienfahrt unterscheiden und so begingen wir natürlich den Fehler, die Bedarfsfahrt nicht anzumelden. Wenn auch ein entscheidender, so war das aber der einzige Aussetzer, den sich „ePodroznik“ leistete. Gibt es als Desktop-Auskunftssystem und als App auch auf Deutsch. Grundsätzlich eine gute Hilfe für den öffentlichen Verkehr in Polen, da viele private Kleinbusunternehmen mit eingebunden sind.

Wir nehmen also das Taxi, um über Nikolaiken und Sensburg zurück zu unserem Hotel zu gelangen. Die erwähnten Orte sind außerhalb der Saison beinahe charakterlos. Kurzum, es hat vieles geschlossen.

Dies ist ein entscheidender Punkt: Die Städte, der öffentliche Verkehr, die Sehenswürdigkeiten, die Hotels und Unterkünfte richten sich beinahe ausnahmslos auf die Hauptsaison ein. Diese ist in Polen etwa deckungsgleich mit den schulischen Sommerferien. Grob gesagt ab Mitte/Ende Juni bis Anfang September. Außerhalb dieser Zeit liegt der Fokus der Hotels auf der Unterbringung von Reisegruppen. Meist deutsche Senioren auf „Masurenrundfahrt“.

Die Menschenleere, die Natur ist das, was uns begeistert hat. Eine Reise in die masurischen Wälder außerhalb der Sommerferien fordert dem Gast viel Improvisationskunst ab. Das Land der tausend Seen und dunklen Wälder hat seinen Reiz und Potenzial. Aber viel Luft nach oben. Unternehmungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind nur sehr eingeschränkt zu empfehlen. Ein eigener/gemieteter Pkw ist empfehlenswert, wenn man die Umgebung unkompliziert erkunden will.

Die Anreise aus Deutschland mit der Bahn ist langwierig, aber bequem und vergleichsweise günstig, wenn man einen Sparpreis ergattert. Mit dem Flieger würde man bestenfalls bis Warschau oder Danzig kommen und müsste ab dort mit dem Zug oder Mietwagen weiter. Die Anreise mit dem eigenen Pkw ist ebenfalls sehr langwierig und führt über mautpflichtige Autobahnen. Ab Warschau dann über Landstraßen.

Dennoch lohnen sich die Strapazen der langen Anreise und die Entbehrungen der unzureichenden Infrastruktur. Ein dünn besiedeltes Gebiet mit einzigartiger Landschaft wartet auf den neugierigen Gast.

Weiterführende Verweise:

Wolfsschanze: http://wilczy-szaniec.com/index.html
Hotel Zamek Ryn: http://www.zamekryn.pl/de/

 

 

 

 

 

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